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Mein Weg in die Medizintechnik: Vom Patientenbett an den SchreibtischKEYMKR-Mitarbeiterin Annika Köneking im Interview.

Mein Weg in die Medizintechnik: Vom Patientenbett an den Schreibtisch

KEYMKR-Mitarbeiterin Annika Köneking erzählt im Interview mit KEYnews von ihrem ungewöhnlichen Weg von der Pflegekraft im Krankenhaus zur Ingenieurin in der Medizintechnik

KeyBlog: Hallo Annika, Du bist Ingenieurin bei KEYMKR, hast aber einen ungewöhnlichen Werdegang. Erzähl doch mal!

Annika Köneking:

Wenn die Mutter und die großen Schwestern im Krankenhaus arbeiten, ist der Weg quasi vorherbestimmt. Ohne, dass mich jemand dazu hätte drängen müssen, stand für mich früh fest, dass ich Krankenschwester werden möchte. Mit 20 Jahren beendete ich meine Ausbildung und arbeitete mit Leidenschaft und Engagement ab diesem Zeitpunkt im Schichtdienst.

Wie war die Arbeit im Krankenhaus?

Im Krankenhaus versorgte ich Patienten, die zum Beispiel an COPD, Asthma, Tuberkulose und Krebs erkrankt waren. Meine Aufgaben waren unter anderem die Unterstützung der Patienten bei der Körperpflege, Tabletten stellen, Patienten aufnehmen und entlassen, Infusionen zubereiten, Mobilisieren, Lagern und den Ärzten bei Untersuchungen assistieren. Außerdem war ich – je nach Charakter der Patienten – Zuhörer und die Schulter zum Ausweinen.

Das hört sich nach Alltag an, aber es gab sicher auch außergewöhnliche Situationen, oder?

Neben den alltäglichen Aufgaben kam es immer wieder zu Notfällen. Oftmals sind Reanimationen und Intubationen sehr plötzlich und erlauben keine weitere Vorbereitung. In diesen Situationen ist es wichtig und manchmal schwierig einen kühlen Kopf zu bewahren. Der Arzt wird gerufen, die Kollegen eilen zur Hilfe herbei. Der Notfallwagen wird geholt und sehr bald hat jeder seinen „Platz“ eingenommen. Neben der seelischen Belastung, ist die körperliche Belastung nicht zu unterschätzen. Wir haben in Notfällen immer gut kommuniziert, so dass keiner das Gefühl hatte, (psychisch oder physisch) überfordert zu sein.

Wie kommt man als Patient durch so eine Ausnahmesituation?

Wenn sich die Patienten im künstlichen Koma erholt haben und der Tubus gezogen wird, erleiden Patienten oft ein Durchgangssyndrom. Die Patienten werden aggressiv, sind zeitlich, örtlich, situativ und/oder zur Person desorientiert. Das Syndrom hält meist nur wenige Tage und die Patienten sind anschließend wieder orientiert. Teilweise haben sie verschwommene Erinnerungen an diese Zeit. Sie beschreiben es wie die Erinnerung eines Traums und haben oftmals Fragen, was passiert ist. Ich habe mir immer Zeit genommen, ihnen die Situation zu erklären und erzählt, was sie wissen wollten. Vielen kam die Situation dadurch weniger unwirklich vor. Dadurch ging es ihnen besser.

Das ist kein einfacher Job!

Ich habe die Arbeit bis zu meinem letzten Dienst gerne gemacht, obwohl ich mich jeden Tag mit Verlust, Schmerz und dem Tod auseinandersetzen musste.

Patienten, die plötzlich blau und dann grau im Gesicht werden, deren Lebensgeister aus ihren Gesichtern und Augen treten, dieser Moment, in dem ein Automatismus einsetzt und ich weiß, ich habe Sekunden zum Reagieren und ich sehe am Monitor die Herzfrequenz sinken.

Das Gefühl, wenn ein Patient, der über Monate beatmet wurde, der so instabil war, dass man davon ausging, dass er nicht überleben wird, eines Tages mit dir spricht, sogar mit einem Rollator über den Flur läuft, ist sehr schön.

Andere Patienten konnten wir nicht retten. Ich habe viele Patienten sterben sehen. Patienten mit chronischen Erkrankungen müssen immer wieder ins Krankenhaus und bei manchen konnte ich beobachten, wie sie von Mal zu Mal abbauten, schwächer und kränker wurden. Irgendwann kam der Tag an dem sie starben. Oftmals friedlich im Kreise der Familie, manchmal aber auch ganz alleine. Wenn ich Zeit hatte, habe ich mich zu ihnen gesetzt und ihre Hand gehalten. Mehr konnte ich nicht machen. Die Zeit habe ich mir genommen, aber die traurige Wahrheit ist, dass manchmal die Zeit einfach nicht da war.

Das hört sich nach genau der Belastung an, die in der Tagesschau als „hohe Belastung der Pflegenden“ bezeichnet wird. Das aus erster Hand zu hören ist nochmal etwas anderes! Wie lange kann man das durchhalten?

Es gab wundervolle, lustige, lehrreiche, chaotische, langweilige und nervige Dienste. In jedem von diesen Diensten kämpfte ich. Ich kämpfte für meine Patienten. Ich kämpfte gegen die Zeit und gegen den Personalmangel. Ich kämpfte viele Jahre. Irgendwann fing ich an mich zu fragen, wie lange ich noch kämpfen möchte, wie lange ich noch kämpfen kann. Nach meinem Entschluss, dass es Zeit ist etwas Neues zu wagen, meldete ich mich bei einem Abendgymnasium an.

Wärst du vielleicht Krankenschwester geblieben, wenn die Arbeitsumstände anders gewesen wären?

Der Schichtdienst hat viele Vorteile. Ich konnte manchmal ausschlafen, manchmal hatte ich früh Feierabend und nachts zu arbeiten hat mir immer Spaß gemacht. Aber Weihnachten oder Silvester zu arbeiten, während die Familie unter dem Weihnachtsaum sitzt oder die Freunde gemeinsam feiern und den Urlaub immer sehr vorausschauend zu planen, denn im Krankenhaus hat die Urlaubsplanung für das kommende Jahr bereits im Oktober abgeschlossen zu sein, sind alles Nachteile, um die man natürlich weiß, wenn man diesen Beruf wählt, die mich aber zunehmend belastet haben.

Wie ging es dann los am Abendgymnasium?

Die Klasse war voll. Etwa 30 Leute, jung und alt, warteten auf die erste Stunde. Alle waren gespannt auf die neue Herausforderung, wie es wohl ist, nach langer Zeit Matheaufgaben zu lösen und Interpretationen auf Englisch zu schreiben. Nach den ersten Ferien war die Klasse schon deutlich kleiner. Im letzten der drei Jahre waren wir noch sieben Schüler. Es war nicht für alle der richtige Weg. Für mich war es eine sehr schöne Zeit.

Wie funktionieren Schule und Job parallel?

Neben der Schule, die jeden Abend von 17.20 bis 21.50 Uhr war, freitags bis 20.30, arbeitete ich weiterhin mit 18 Stunden pro Woche im Krankenhaus. Teilweise war es eine sehr anstrengende Zeit. Hausaufgaben, lernen für Klausuren, Referate vorbereiten und nebenbei arbeiten. Ich machte unter der Woche nur noch Frühdienst von 06.00 bis 14.00 Uhr. Um 14.30 war ich zu Hause. Kurz frisch machen und etwas essen, dann ging es um 16.20 auch schon weiter zur Schule. Aber die Zeit hat sich gelohnt. Es war eine Zeit, die ich nicht missen möchte. In der ich viele tolle Menschen kennengelernt und mich weiterentwickelt habe. Als ich mein Abiturzeugnis in den Händen hielt, war ich unfassbar stolz auf mich.

Und dann kam mit dem Studium der große Schritt ins Unbekannte?

Nach meinem Abschluss kündigte ich schweren Herzens im Krankenhaus und zog für mein Studium um. Das Studium war natürlich ganz anders. Große Hörsäle, so viele neue Menschen um mich herum. Ich hatte mich an die kleinen Gruppen vom Abendgymnasium gewöhnt. Und dann die Fächer… Festigkeitslehre, Atom- und Festkörperphysik, Konstruktionstechnik, analoge Elektronik, Elektrotechnik... Im ersten Semester war ich sehr unglücklich. Ich habe meine Entscheidung bereut. Ich wollte ins Krankenhaus zurück, wo ich wusste, wer ich bin und was ich kann. Ich habe gedacht, dass diese Entscheidung der größte Fehler überhaupt war. Aber wenn etwas nicht in meiner Natur liegt, dann ist das aufgeben. Nach den ersten Klausuren und damit auch den ersten Erfolgserlebnissen, habe ich neuen und immer größeren Mut gefasst und die Gewissheit stieg – mal mehr mal weniger – dass ich das Studium beenden werde. Und schließlich absolvierte ich die letzte Prüfung und begann mein Berufspraktikum und meine Bachelorarbeit. Alles – wie sollte es anders sein – mit Nebenjob als Krankenschwester. Mit dem Studium ließ sich der Job gut verbinden. Ich konnte am Wochenende arbeiten und hatte dadurch keine Kollisionen mit den Vorlesungen. Beim Berufspraktikum und bei der Bachelorarbeit war es natürlich anstrengend und nervenaufreibend. Von Montag bis Freitag im Büro arbeiten und am Wochenende Dienst im Krankenhaus. Da kam ich nach 12 Tagen arbeiten schon an meine Grenzen. Durch die Gewissheit, dass dieser Zustand nur vorrübergehend ist, konnte ich die Zeit jedoch gut durchhalten.

Warum hast du dich für Medizintechnik entschieden?

Das Thema Medizin finde ich sehr spannend. Ich wollte den Medizinsektor nicht verlassen, aber auch gleichzeitig etwas Neues, etwas das nicht am Patientenbett stattfindet. Also habe ich mich auf die Suche gemacht und letztendlich hat mir ein ehemaliger Schüler vom Abendgymnasium von seinem Studium erzählt. Die Thematik Medizin war vertreten, es gab neue – technische und regulatorische – Aspekte, ich konnte eine andere Seite meines Berufes kennenlernen. Nachdem ich viele Jahre Medizinprodukte bedient hatte, konnte ich erlernen, wie ich diese konstruiere und auf den Markt bringe. Ich hatte mein Studium – Biomedizintechnik – gefunden. Während des Studiums habe ich mich dazu entschlossen, die Vertiefung Qualitätsmanagement zu wählen, da ich weniger Spaß am Konstruieren und mehr Spaß an den regulatorischen Aspekten hatte.

Wie bist Du dann zu KEYMKR gekommen?

Während ich meine Bachelorarbeit schrieb, kam ich mit meinen jetzigen Chefs in Kontakt. Schnell war ein Termin zum Kennenlernen vereinbart und nach einer quälend langen Woche, wartend auf Rückmeldung, hatte ich eine neue Arbeit. Ein neues Leben. Einen neuen Alltag. Ich kündigte zum zweiten Mal schweren Herzens den Job im Krankenhaus und zog mit einem weinenden und einem lachenden Auge von dannen.

Magst du den aktuellen Job ein wenig beschreiben? In wie weit hat sich dein Leben im direkten Vergleich der Beschäftigungen verändert und vermisst du vielleicht auch etwas aus deinem alten Job?

Inzwischen bin ich seit etwas über einem Jahr bei KEYMKR. In dieser Zeit habe ich sehr viel gelernt und mein Wissen in den regulatorischen Anforderungen vertieft. Ich habe Produktbeschreibungen geschrieben, viel über Biokompatibilität, Post Market Surveillance (Überwachung der Produkte nach dem Inverkehrbringen) und Packaging/Labeling gelernt; um nur ein paar Bereiche meiner neuen Arbeit zu nennen. Den Schritt habe ich nie bereut. Ich kann mein Leben jetzt besser planen, weiß wann ich arbeiten muss, dass ich an den Wochenenden und Feiertagen frei habe und kann auch mal kurzfristig Urlaub nehmen. Ich kann meine Arbeitszeiten flexibel gestalten. Kann früh am Morgen mit der Arbeit beginnen und am Nachmittag in den Hansapark fahren oder ich unternehme abends etwas und fange am nächsten Tag später an zu arbeiten. An diese neue Freiheit musste ich mich erst gewöhnen. Aber ich finde es klasse meine Freizeit spontan und langfristig planen zu können ohne, dass ich dafür zum Beispiel Dienste tauschen muss. Ein großer Vorteil im Krankenhaus ist die Bewegung. Seit ich im Büro arbeite, muss ich mich aktiv um sportliche Betätigung bemühen. Im Krankenhaus war das nicht nötig. Natürlich denke ich manchmal an mein altes Leben zurück, an die Erlebnisse mit Patienten und Kollegen, an schöne, lustige und traurige Momente und werde etwas melancholisch. In über 15 Jahren habe ich so viel erlebt. Das prägt natürlich. Trotzdem würde ich es immer wieder so machen.

Annika, vielen Dank für diese persönlichen Einblicke und weiterhin viel Spaß und viel Erfolg bei der Arbeit!